Warum gelingen uns Menschen so großartige Errungenschaften wie die kommunikative Vernetzung der gesamten Welt, aber nicht der Friede zwischen allen Völkern und Kulturen? Immer deutlicher zeichnet sich für mich die Ursache dieser globalen Fehlleistung ab. Es gelingt vielen Menschen nicht, nicht einmal für die kurzen Augenblicke von Verhandlungen, Traditionen hinter sich zu lassen, um sich ganz auf die Probleme zu konzentrieren, die es gemeinsam im Hier und Heute zu lösen gilt.
Mich veranlasst das, die These aufzustellen: Traditionen trennen Menschen.
Sind es nicht vor allem konfessionelle Traditionen, die wahre Abgründe zwischen Menschen aufreißen? Ich will die These in dieser Schrift untersuchen und Wege finden, Konsequenzen daraus zu ziehen. Konsequenzen, die dazu beitragen können, die Aufklärung voran zu treiben und endlich irgendwann ein freies, friedliches Leben auf dieser Erde zu ermöglichen. Vielleicht gelingt es, eine weitere Welle der Vernunft durch die Welt zu schicken.
Nun wollen Sie vielleicht wissen, mit wem Sie es hier zu tun haben. Meine Erden-Existenz als Hermann Engl begann im Januar 1950 in München. Mein Vater war zehn Monate zuvor aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt zu seiner Frau und den beiden bereits vorhandenen Kindern. Nach den üblichen Schulwegen und einem etwas ausgedehnteren Wehrdienst, ließ ich mich zum Redakteur an Tageszeitungen ausbilden, arbeitete später in einer Fernsehredaktion, dann in einer Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und schließlich als freier Texter und Autor. Mein Umfeld bevölkern Lehrer, Journalisten, Theologen, Buchhändler, Unternehmer, Hausfrauen und – Segler. Ja Segler.
Denn das Segeln auf dem Meer hat große Bedeutung für mich erlangt. Nicht nur, weil es mir zu einer tiefsitzenden Leidenschaft ins Herz wuchs, sondern, weil es sich als erhellende Metapher meines Daseins entpuppte. Selbst wer sich dem Maritimen nicht zugeneigt fühlt, kann vermutlich dieses Bild nachvollziehen: Der schlanke Körper einer Segelyacht liegt im Wasser, eingebettet in die Materie und doch nicht fest mit ihr verbunden. Wir Segler bewohnen diesen Körper, lenken und leiten ihn, wozu wir eine Kraft benutzen, die wir nicht fassen können: Den Wind. So ziehen wir mit dem Schiff-Körper unsere Bahn und denken nicht, eine deutliche Spur in die Welt zu legen. Denn schauen wir auf sie zurück, finden wir sie alsbald verlaufen, verschwunden und vergessen.
Je mehr wir uns mit Materiellem umgeben auf unserem Boot, um so tiefer tauchen wir in die See ein, in die Materie dieser Welt. Ja, wir können es so voll laden, dass der ganze Körper samt uns Seglern als sein Bewusstsein und seine Seele, in ihr versinken muss. Dann kann uns die unfassbare Kraft, die uns zwischen Luft und Wasser bewegte und voranbrachte, nicht mehr erreichen. Wir kehren zurück in das Element, das wir als die Wiege des greifbaren Lebens betrachten, zumindest auf diesem Planeten: Das Wasser.
Eine Metapher, ein Gleichnis für unser Erden-Dasein. Unsere Seele bewohnt unseren Körper wie der Steuermann das Schiff, und wie es jenem gelingt die Kraft zu nutzen, die ihn vorantreibt, so nutzen wir den Geist, der uns bewegt. Aber sowenig der Segler den Wind insgesamt nutzen kann, so bleibt es uns offenbar verwehrt, den kreativen Geist, die Schöpferkraft, die dies alles möglich machte, in ihrer Fülle zu erfassen. Schau nach achtern und sieh die kurze Spur, die unsere Yacht in das blaue Meer zeichnet. Ihr Körper, Kiel und Ruder teilen das Wasser und vorne der Bug schleudert mit großer Wucht weiße Gischtfahnen nach Luv und Lee. Noch ein gutes Stück nach achtern zeugt das Kielwasser von unserer forteilenden Existenz.
Kommt das nicht dem wirklichen Leben gleich? Welche Anstrengungen unternehmen viele Menschen, um voranzukommen in ihrem Dasein? Und wie wichtig ist es ihnen, Spuren zu hinterlassen? Doch weniger als eine Meile nach uns löschen die Elemente jedes Anzeichen unserer Anwesenheit. Nur bei uns selbst wissen wir um unsere fortwährende Existenz. Zum ersten Mal formulierte ich diese Bilder in dem Buch»Windgedanken und Wellenworte – Von der Poesie des Fahrtensegelns«. In der Folge musste ich feststellen, wie allein ich war mit diesen Gedanken. Selbst begeisterte und berühmte Vielsegler scheinen sich keinerlei tiefer gehende Gedanken über den metaphorischen Sinn ihres wunderschönen Tuns zu machen. Mich ließ die Metapher nicht mehr los. Langsam aber stetig krempelte sie mein Denken um: Wir beleben mit unserer Persönlichkeit einen Körper, von dem wir uns trennen, wenn er wieder in die Materie eingeht. Die Spuren unseres Lebens verfließen in der Geschichte wie das Kielwasser eines jeden Schiffes auf dem Ozean. Für mich bedeutete dieses Bild ein Signal, auch anderweitig begrenzende Häfen zu verlassen. Angeregt durch zahllose Gespräche und Lektüren erschienen so ziemlich alle Traditionen, die mein Leben bestimmen sollten und wollten, in einem neuen Licht. Immer mehr überlieferte Aussagen zu unserer Existenz, Glaubenssätze und durchaus liebgewordene Denkweisen hielten diesem Bild und weiteren Überprüfungen nicht mehr stand. Ich begann systematisch nach einer Wahrheit zu suchen. Einer Wahrheit, die im Menschen, in seinem Denken und Bewusstsein zu finden sein musste. Ich suchte nach einer Möglichkeit, die es jedem Menschen erlaubt, seinem Wesen auf den Grund zu gehen, sich über die Art seines Seins klar zu werden, um sich auf diesem Wege zu befreien von Ängsten, Zwängen und Bedrängnissen, die von außen auf ihn wirken möchten. Was ich fand, enthüllte sich als eine Art Kernwissen oder Kernerkenntnis. Seither erscheint mir das Leben gehaltvoller, konkreter, authentischer. Es handelt sich um eine Erkenntnis, die vermutlich von keinem Theologen oder keiner Theologin geteilt wird, der oder die in der Tradition einer bestehenden Konfession lebt und wirkt. Vermutlich stößt sie bei allen Religionsgemeinschaften auf entschiedene Ablehnung. Denn es handelt sich um nichts weniger als die Erkenntnis, dass wir wissen können, statt glauben zu müssen. Sie kratzt vielleicht ein wenig an dem Tabu, das beispielsweise die jüdisch-christliche Religion in ihrem Fundament sieht: Dem Baum der Erkenntnis, dessen Früchte für uns Menschen nicht bestimmt sein sollen. Welten davon entfernt, die Fülle der Erkenntnis zu beanspruchen, ersetzen diese Gedanken in keiner Weise die »Religion« als den Rückbezug unseres diesseitigen Seins auf ein jenseitiges. Im Gegenteil. Sie verdeutlichen diesen Rückbezug, begründen ihn und machen ihn gewissermaßen transparent. Um ihnen zu folgen, müssen wir allerdings bereit sein, die starken Trossen zu lösen, mit denen uns überlieferte Geschichten an traditionelle Vorstellungswelten binden möchten. Aber Vorsicht! Wir wollen die Leinen wirklich loswerfen und sie nicht flugs durch andere ersetzen. Frei und kritisch möchten wir uns dem Leben stellen, mit offenen Augen und Ohren und ungebundenen Händen unser Dasein untersuchen.
Gehen wir also auf die Reise über den grenzenlosen Ozean der Fantasie, des Denkens und Erkennens, und streben wir hinaus aus den engen Häfen, die von fest gemauerten Traditionen gebildet werden und uns in trügerischer Sicherheit wiegen. Mag sein, dass ein Schiff im Hafen ruhig liegt. Aber gebaut wurde es dafür nicht. Lasst uns tun, wofür wir geschaffen sind.
Hermann Engl
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